„Festa de São Jorge“ Hundertausende feiern den heiligen Georg am 23. April, Ehrentag des inoffiziellen Schutzpatrons von Rio de Janeiro
Auf der Liste der beliebtesten Tattoos rangiert der heilige Georg in Rio auf Platz eins, und Jorge spendet seinem Namenspatron vor jedem Glas Cachaça, das er trinkt, einen Schluck: „Der heilige Krieger trinkt auch!“ Sein Bild ziert viele Hauseingänge, denn er beschützt das Heim: Der Schutzheilige des Herzens ist São Jorge, auch wenn offiziell Sebastian Patron der Stadt ist.
Die Kirche des Heiligen Georgs steht im Zentrum von Rio direkt an der Praça da República an der Ecke mit der Rua do Alfandega Hier beginnt das Einkaufsviertel „Saara“, benannt nach der „Sociedade de Amigos das Adjacências da Rua da Alfândega“ („Gesellschaft der Freunde der Rua da Alfândega und Umgebung“)
Nebenan der Souk
Die geschäftigen Straßen, in die sich über 1.000 Läden quetschen mit allem, was nützlich, dekorativ, schick, aber vor allem günstig ist: Kleidung, Karnevalszubehör wie Federn und Pailletten, Schuhe, auch jede Menge in China hergestellter Krimskrams ist darunter, sogar Sexspielzeug wird über Lautsprecher feilgeboten. Es sind Syrer, Libanesen, Juden, Griechen und Türken, die sich hier vor mehr als einem Jahrhundert niedergelassen haben. Der Trubel gleicht werktags einem orientalischen Souk.
Die Farben des großen Kriegers
Am 23. April ist die Straßenecke Schauplatz des gelebten Synkretismus. Es ist der Festtag des Heiligen Georgs, in Rio ist Feiertag. Schon Stunden vor der Frühmesse harren die Menschen vor der Kirche aus, die Tracht der Anhänger ist uniform, Bankangestellte, Bauarbeiter, Hausfrauen und Künstler, sogar de reine oder andere Säugling – alle tragen die Farben Rot-Weiß. in der Ursprungskirche in Quintino, ca. 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt kamen dieses Jahr 700 000 Gläubige, um dem Heiligen Krieger zu huldigen.
Ehre dem Kriegsgott Ogum
Gefeiert wird nach allen Regeln der Gebets- und Ritualkunst. Während in der Kirche der Pfarrer die katholische Messe liest, die über Lautsprecher auf die Straße übertragen wird – 100.000 Gläubige passen nicht in die Kirche –, huldigen draußen Anhänger der afro-brasilianischen Umbanda dem Kriegsgott Ogum, Pendant zum heiligen Georg in der ursprünglichen afrikanischen Naturreligion. Im Zuge der Missionierung arrangierten sich die Afrikaner, indem sie katholische Heiligenfiguren auf ihre eigenen Altäre stellten, um in gewohnter Weise ihre Rituale abzuhalten.
Ein Bier für Georg
So vollziehen die Umbandistas, heute etwa zwei Prozent der Bevölkerung Rios, mit dem „Schwert“ des Drachentöters, oft in Form eines spitzen Pflanzenblatts, verschiedene Rituale, Opfer werden gebracht, ein Glas Bier, manchmal Geld – hin und wieder fällt jemand in Trance, wenn der Geist Orixá in den Körper eindringt. Dann ist wieder der Priester über Lautsprecher zu hören: „Viva São Jorge“. Ursprünglich in England verehrt, gelangte der Märtyrer über die portugiesischen Kolonialherren nach Brasilien. Über die tiefe Verehrung durch die Cariocas wurden schon Doktorarbeiten verfasst. Die Siegerfigur schafft Vertrauen im Kampf um die alltäglichen Dinge des Lebens.
Einer von 111 „Orten in Rio de Janeiro, die Sie gesehen haben müssen„, mehr Geschichten auf diesem Blog „Zoom auf Brasilien“ lesen Sie rechts in der Rubrik „Countdown Olympia 2016“, zum Beispiel Krokodile, Affen und Co. in der Olympiastadt
Ein Stückchen vom Paradies
Im Ort Trancoso an der Entdeckerküste im Bundesstaat Bahia ist zwar eigentlich São João, der am meisten verehrte Heilige im im Nordosten des Landes der offizielle Heilige, der am Johannistag (22.Juni) gefeiert wird. Zudem sind São Sebastião (Heilige Sebastian) am 20. Januar und São Brás (Heilige Sankt Blasius) am 20. Februar die traditionellen Feste im Ort. Die Einheimischen spielen die ganze Nacht ein Mantra auf ihren Trommeln, bis am frühen Morgen auf dem historischen Dorfplatz der geschmückte Pfahl aufgerichtet wird.
Trancoso liegt Süden des Bundesstaates Bahia und ist als Ferienort bei den Brasilianern beliebt: traumhafte Sandstrände, dahinter der atlantische Regenwald und der malerische Dorfplatz, genannt „Quadrado“. Das Wahrzeichen Trancosos ist eigentlich ein von bunten Häuschen und von Mango-, Mandelbäumen und Jacarandas gesäumter Fußballplatz. 1586 entstand der Ort aus der Jesuitenreduktion São João Batista dos Índios, bis heute hat der Platz die typische Ortsform der Jesuitensiedlungen.
Das „Quadrado“ steht heute unter Denkmalschutz, an der zum Meer hin gewandten Seite thront die Kirche São João Batista, zweitälteste Kirchen Brasiliens – und hat bis heute nichts von seiner Magie eingebüßt hat. In den 1970er-Jahren wurde die damals 500-Seelen-Gemeinde von den Hippies entdeckt und seit den 1990ern bei Brasiliens High Society ein Insidertipp.
São Jorge am Ortseingang von Trancoso
Der Schutzheilige von Rio de Janeiro hat es auch bis an dieses kleines Stück vom Paradies geschafft. Den Ortseingang an der Ecke schmückt eine Statue des Heiligen Georgs. Die hat ein Künstler auf Rio de Janeiro hier errichten lassen, quasi am Eingang zu seinem Landbesitz. Der Bildhauer, Journalist und alternativer Filmemacher Jorge Mourão, dessen radikale Super-8-Filme bis heute Kult auf Festivals und in Themenreihen sind, hatte in Rio de Janeiro in den 1970er Jahren inspiriert von einem Aufenthalt in New York neben dem Carioca-Aquädukt das L.O.F.T. Galeria Alternativa ins Leben gerufen. Seine Filme sind alles andere als leichte Kost, kein Wunder, sie entstanden in den Jahren der Diktatur. Sein Künstlerloft fungierte als künstlerischer Gegenpol zum repressiven Regime im Brasilien dieser Jahre. Bildhauer, Theaterregisseure und Musiker trafen sich damals hier. Als Mourão in den 1990er Jahren in Trancoso lebte, gab er die „Folha de Trancoso“ heraus, quasi eine Lokalzeitung im damals nur wenige tausend Einwohner zählenden Dorf. Viele davon waren Analphabeten und so mancher, dem das anzeigenfinanzierte Lokalblatt gratis angeboten wurde, wollte sich aus Bescheidenheit mit einer Seite der Zeitung begnügen. An seinem Festtag wird São Jorge bis heute auch hier mit einem Umzug, Speis und Trank gefeiert.
An diesem Eck am Ortseingang ist auch ansonsten viel los: die „Notaufnahme“ ist hier rundum die Uhr geöffnet; der „Posto de saude“, (die „Gesundheitsstation“), da bringt die Polizei schon mal jemanden, der in eine Schießerei gekommen ist. Und auch sonst herrscht hier reges Kommen und Gehen,
Das beste Acarajé
Der optimale Beobachterposten an dieser Ecke ist meine neue Lieblingskneipe im Dorf: Der „Chiosque bahiano da Chica“, gibt es nicht nur das unumstritten beste Acarajé im Dorf, das es bereits in den einen oder anderen Blog Brasiliens geschafft hat.
Das traditionelle Street-Food-Gericht wird aus geschälte und gemahlene Bohnen zubereitet, die zu einem Teig verarbeitet werden und in Palmöl frittiert werden. Die frittierte Kugel wird wie ein Brötchen aufgeschnitten und mit Würzpaste, Tomatensalat und Garnelen gefüllt.