
Era o Hotel Cambridge ©FILMFEST MÜNCHEN 2017
Mitten in São Paulo: eine politische Hausbesetzung in einem Ex-Luxus-Hotel mit Flüchtlingen aus aller Welt und brasilianischen Obdachlosen. Der Film „Era o Hotel Cambridge“ (hier die Rezension auf „Diebe der Nacht“ zum Münchener Filmfest 2017) zoomt auf Folgen der Globalisierung in Megacities. Ein Gespräch mit der Regisseurin Eliane Caffé und Szenenbildnerin Carla Caffé über das Making-of, weibliche Führung, Konfliktzonen, die Perspektiven sozialer Bewegungen und den Film im digitalen Zeitalter
Über Flüchtlinge zur politischen Hausbesetzung
Beate C. Kirchner: Ursprünglich wollten Sie einen Film über Flüchtlinge machen.

Eliane und Carla Caffé ©FILMFEST MÜNCHEN 2017/Dominik Bind
Eliane Caffé: Als ich die Recherchen für dieses Projekt begann, sollte es eigentlich eine Geschichte mit nur einem Protagonisten werden. Dann habe ich festgestellt, dass viele Geschichten um das Drama der Flüchtlinge in der Presse stehen. Wenn du aber ständig nur Katastrophen über Flüchtlinge hörst, verlierst du irgendwann die Sensibilität, was das Leid eigentlich bedeutet.
Also habe ich überlegt, worüber man eigentlich nicht spricht. Die ganze Welt spricht davon, was sie alles zurückgelassen haben, von ihrem Leid. Worüber es aber zu reden gilt, ist, was verursacht eigentlich die Flucht? Darüber spricht niemand. Also wollte ich über den Flüchtling im Gesamtkontext erzählen. Ich habe begonnen, den Flüchtlingen zu folgen. Und so sind wir bei den Hausbesetzungen gelandet, denn da leben viele Flüchtlinge.
Carla Caffé: Es ist eine Charakteristik unserer Arbeit, dass wir in „Konfliktzonen” arbeiten, wir haben diese Methode entwickelt, künstlerisch zu arbeiten. In diesem Fall haben wir in der Hausbesetzung einen Prozess des Zusammenlebens begonnen. Wir arbeiten nie, ohne die Gegenseite mit einzubeziehen.
BCK: Wie viele der Mitwirkenden sind Schauspieler?

Carmen Silva ©devulgacao
CC: Vier sind Schauspieler, alle anderen sind Hausbesetzer, Flüchtlinge. Die Protagonistin der Besetzerbewegung Carmen Silva steht auch im wirklichen Leben an der Front der Häuserbesetzergruppe „Frente de Luta pela Moradia (FLM)“.
EC: Wir haben Workshops gemacht, um mit den Flüchtlingen und Bewohnern zusammenzuarbeiten. Und die sind bis heute geblieben. Außerdem hat sich eine Flüchtlingsgruppe innerhalb der Hausbesetzerszene etabliert.
BCK: Die Besetzerszene in São Paulo ist eine echte soziale Bewegung.
EC: Die Besetzung, „Cambridge“, in der wir gedreht haben, ist eine politische Besetzung, innerhalb deren sich die Flüchtlinge ebenfalls politisch organisieren, eine große Ausnahme, denn Flüchtlinge haben nicht das Recht, politisch aktiv zu sein.
BCK: Sie werden sonst ausgewiesen. Gab es Nachteile durch den Film für einige von ihnen?
Effekt des Films: Flüchtling aus Palästina in Diskussionsrunden
EC: Ganz im Gegenteil, es gab positive Resonanzen. Der Palästinenser Isam Ahmad Issa, Ingenieur der Biologie, bekam oft Gelegenheit, in Diskussionsrunden zu sprechen, er ist sehr politisiert und hat ein enormes Hintergrundwissen – er hat sieben Kriege miterlebt.

Isam Ahmad Issa (li.) mit José Dumont (gelbes Hemd) ©Divulgação
CC: Und nach dem Film wurde er eingeladen, in einer Theatergruppe mitzuwirken.
BCK: Die Besetzung ist riesig. Besteht sie noch? Wie viele Menschen lebten dort?
EC: Die Besetzung besteht noch, es leben etwa 400 Familien dort auf 15 Stockwerken mit je acht Wohnungen. In ganz São Paulo gibt es etwa 20 Besetzungen.
BCK: Nach dem Film haben Sie gesagt, der Kampf um die Zukunft der Welt wird in den großen Metropolen entschieden (Anm. d Redaktion: Heute lebt mehr als die Hälfte der 7,55 Milliarden Menschen auf der Welt in einer Stadt, in der Wirtschaftsmetropole São Paulo hat sich die Einwohnerzahl in den letzten 40 Jahren verdoppelt, heute über 12 Millionen, Groß-São-Paulo über 20 Millionen). Doch auf der ganzen Welt treiben wirtschaftliche Interessen die Gentrifizierung voran. Gerade erst hat der Bürgermeister von São Paulo Doria „Crackolandia“, die Gegend, in der viele Drogenabhängige leben räumen lassen, offiziell, um die Stadt zu ,säubern‘. Es geht aber auch um Spekulation. Worin sehen Sie eine Chance für die Aktivisten der Häuserbesetzer- und anderer sozialer Bewegungen?
In Megacities gehört die Mehrzahl zu den Benachteiligten
EC: Wenn man den Fortgang der Welt betrachtet, stehen wir vor einem gewaltigen Konflikt. Aber die überwiegende Zahl der Menschen in den großen Städten befindet sich auf der Seite der Benachteiligten. Das betrifft entweder die Wohnsituation, oder die Bildung oder einfach nur den Transport innerhalb der Stadt.
Aber das große Problem der sozialen Bewegungen ist die Ideologie. Das geht schon in der Schule los, wenn die Kinder lesen und schreiben lernen, bis über das Fernsehen, das die Zuschauer beeinflusst.
Ich gebe mal ein Beispiel: Santa Cecilia ist ein Viertel bei Cracklolandia, in dem Bürgermeister Doria ,Hygiene‘ walten lassen will. Die Stadt soll sauber werden.
Da gab es die Geschichte von Leandro, einem Junge mit 19 Jahren, die durch die Medien ging. Er wurde gefoltert und getötet in seinem Haus, auf eine Art barbarische Art und Weise, weil er arm war.
Der Polizist, der tötet, ist genauso arm wie der, den er tötet
Die Polizei tötet, und die Menschen gestehen ihnen Straflosigkeit zu, denn es geht schließlich darum, dass die Stadt sauber wird, so suggeriert es die öffentliche Meinung, aber das ist Ideologie.
Der Polizist, der tötet, ist genauso arm wie der, den er tötet. Das ist sehr verrückt.
Vieles ändert sich rasant, aber in den Köpfen dauert es länger
Was in den Städten passiert, die Probleme, die auftauchen, alles geschieht rasend schnell. Was hingegen viel langsamer vor sich geht, sind die Veränderungen in den Köpfen. Deshalb ist es in der Militanz immer wichtig, den pädagogischen und den kulturellen Aspekt zu bedienen. Deshalb spricht Carla auch immer von der Bedeutung der Kunst, denn die Kunst ist eine Fläche, die größere Freiheit bietet.
Kunst schafft es, starrte Positionen weich zu machen

Era o Hotel Cambridge© FILMFEST MÜNCHEN 2017
CC: Es gibt weltweit viele Kollektive und Gruppen, auch in Berlin, und wenn du filmst, dann kann dieser Prozess schon allein sehr verändernd sein. Abgesehen von der Geschichte des Films als solcher. Entscheidend ist das Geschehen vor Ort, das, was tatsächlich passiert. Wir haben dort auf einer großen Fläche gearbeitet, haben eine Bibliothek für die Besetzung eingerichtet, eine Schneiderwerkstatt. Gerade diese Momente waren es auch, die etwas verändert haben. Kunst schafft es, starrte Positionen auf eine Art weich zu machen.
EC: Was auch durch den Film geschehen ist: Die Flüchtlinge und Bewohner haben Gelegenheit bekommen, ganz ungefiltert zu Wort zu kommen.
Oft werden wir gefragt: Ist das Dokumentar-Film oder Fiktion? Wir haben stark auf die Authentizität der künstlerischen Darbietung jedes einzelnen Darstellers gesetzt. In dem Moment, als wir den Kanal geöffnet haben, kam alles mit voller Wucht heraus. Diesen Menschen wird sonst nicht so oft Gehör geschenkt.

Era o Hotel Cambridge – Architektur, Kino und Bildung, Carla Caffé
21 Architekturstudenten absolvieren ein Semester in der Besetzung
CC: Studenten, die sonst ihren Universitätsalltag leben, haben die Möglichkeit bekommen, sechs Monate lang innerhalb einer Hausbesetzung ihr Semester zu absolvieren. Sie konnten entdecken, was die Notwendigkeiten der Bewohner sind, wie und wer diesen Raum verändern konnte. Wir haben viel mit temporären baulichen Strukturen gearbeitet und mit Recyclingmaterial, es durfte ja nichts kosten.
Je mehr Akteure, desto größer die Veränderung
EC: Der Prozess, die Studenten an diesem Ort, hat allein schon Veränderung bewirkt (Anm. d. Red.: Carla Caffé hat dazu ein Buch veröffentlicht . Je mehr unterschiedliche Akteure aufeinandertreffen, also der Student mit dem Besetzer, der Arzt mit dem Filmemacher, Kino und Architektur, je mehr alles ein Netz wird, gibt es Veränderung.
Das ist es, was in diesem Jahrhundert passiert. Das kann man in den Städten wahrnehmen. Eine wahre Eruption an Kollektiven.
Neue Wege: Blogs von Studenten, Streaming auf Festivals
CC: Wenn man zum Beispiel auch bedenkt, dass es heute immer schwieriger wird, einen Film überhaupt zu zeigen. Junge Leute gehen heute nicht mehr ins Kino.
EC: Wenn du heute auf ein Filmfestival gehst, musst du zwischen 300 Filmen auswählen, früher waren das mal 10.
Ich denke, eine Neukonzeption der Filmfestivals, besonders der großen, ist dringend notwendig. Die Art und Weise, wie kommuniziert wird, hat sich gänzlich verändert. Aber die Festivals funktionieren noch genauso wie vor 20 Jahren. Das sind Blasen, wir leben in einer Welt von Blasen.
Aber warum nicht stattdessen Studenten vor Ort zu den Filmemachern schicken und sie ein paar Tage mit Ihnen zusammenarbeiten lassen? Diese könnten dann Ihre Erfahrungen in einem Blog wiedergeben. Das wäre viel spannender und vielfältiger, als Filmemacher für viel Geld um die halbe Welt reisen zu lassen, damit sie für ein paar Tage dabei sind.
Sie können doch die Filme streamen. Oder ein Gespräch danach über Skype führen. Sonst zeigst du die Filme immer nur denselben Cineasten auf den Festivals.
CC: Die Kanäle haben sich geändert, aber die Erzählformen des Kinos gibt es wie eh und je. Im Film gibt es auch sehr viele Kanäle, die Menschen kommunizieren via Skype, es gibt direkte Gespräche, dann wieder über Iphone, so sind auch die Erzählstränge unterschiedlich.
Neue Kanäle im Film: Bilder aus Gaza via Skype
EC: Stell dir vor, was das gekostet hätte, in den Gazastreifen zu fahren und dort zu drehen, stattdessen ist Ismar über Skype mit einer Cousine in Gaza verbunden, und bringt so diese Bilder in den Film ein. Und dieses Potenzial hat heutzutage jeder Mensch.
CC: In den Workshops zum Beispiel war es sehr schwierig, eine Sprache zu finden, in der man sich verständigen konnte, das war eigentlich nur spielerisch möglich.

Hausbesetzer diskutieren in Rio de Janeiro über Era o Hotel Cambridge ©Divulgação
BCK: Sie zeigen ja den Film auch oft ausschließlich vor Hausbesetzern?
Filmvorführungen für Hausbesetzer
EC: Ja, die Besetzerszene hat sich den Film sozusagen angeeignet, weil sie sich in dem Film wiederfinden. Sie sehen sich repräsentiert, identifizieren sich. Der Film wurde in vielen Besetzungen gezeigt.
Carmen Silva, die Anführerin im Film, fing an zu reisen, in ganz Brasilien, aber auch in Europa, sie war in São Sebastião und hat dort eifrig mit der Anführerin der örtlichen Besetzerbewegung in Spanien diskutiert, über Strategien des Häuserkampfs, über weibliche Strategien und so weiter, da haben wir uns dann zurückgezogen.
Wenn das Barbarische im Menschen die Oberhand hätte, hätte sich die Menschheit schon ausgelöscht
BCK: Wie schätzen sie die aktuelle politische Situation in Brasilien ein?
EC: Wenn man über einen längeren Zeitraum das Leben betrachtet, gibt es natürlich Momente, in denen man sich eher pessimistisch fühlt. Die Dinge ändern sich nicht, wie sie sich ändern sollten. Und die Menschen wenden sich noch genau denen zu, die eine ideologische Strategie fahren. Es sieht so aus, als hätten die Menschen keine Orientation. Da kann man, wenn man eine Lebenszeit in Betracht zieht, zu dem Schluss kommen, da ändert sich nichts. Wenn man aber einen größeren Zeitraum in Betracht zieht, dann denke ich: Wir gehen weiterhin nach vorne.
Warum? Zum Beispiel nachts in São Paulo, das ist gefährlich, aber dann denke ich, ich kann ja schließlich auf der Straße gehen. Also wenn wirklich das Böse, das Barbarische im Menschen die Oberhand hätte, dann hätte sich die Menschheit schon ausgelöscht.
Ich denke der Mensch hat mehrheitlich eine kreative Tendenz, er ist ein soziales Wesen, hat konstruktive Ansätze. Deshalb denke ich, wir gehen trotz allem nach vorne.
BCK: Zum Glück! Viele sehen die Entwicklung momentan in einem fortwährenden Rückwärtsgang.
Heute hat jeder seinen eigenen Kanal, also bringt künstlerische Arbeit etwas, die Präsenz erfordert
CC: Ich denke, entscheidend ist die rapide technologische Entwicklung. Zum einen ist sie fantastisch, aber zum anderen ändert sie auch die Beziehungen der Menschen untereinander grundlegend. So sieht sich zum Beispiel heute niemand mehr an, wenn er in der U-Bahn fährt. Jeder schaut auf sein Smartphone. Du brauchst keinen Kanal mehr, jeder hat seinen eigenen. Deshalb denke ich, Veränderung bringen Arbeiten, bei denen man vor Ort etwas tut. Arbeit, die Präsenz erfordert.
Die Zukunft der Führung im politischen Kampf ist weiblich
F: Nach dem Film haben Sie gesagt, die Bilder des letzten Jahrhunderts im politischen Kampf waren geprägt von Männern vor Fabriken, dieses Jahrhundert werden Frauen vor Häusern in der Großstadt stehen. Ist die Zukunft der Führung im politischen Kampf weiblich, weil es um Häuser geht?
EC: Es ist nicht nur, weil es um Häuserkampf geht, es geht um eine andere Strategie, die weiblich ist, die nicht kompetitiv ist, das wird im Film in der Szene mit den Clementinen deutlich.
Wenn du heute über Machismo sprichst, dann geht es aber nicht nur um den politischen Aspekt. Es ist eine Frage des Überlebens. Jeder Mann muss sich ändern. Wenn ein Junge in der Favela den Macho gibt, kann er leicht an der nächsten Ecke sterben.
Und es geht natürlich um die Frage der Kinder. Die Frau trägt das Kind in sich, also geht es auch um die Frage des Raums, um niederzukommen, sie braucht Wohnraum. Zudem hängt das Baby in den ersten Lebensmonaten komplett von der Mutter ab, der Mensch kommt schließlich frühreif auf die Welt – also braucht die Frau einen Raum. Wohnraum ist also eine vitale Frage.
In einigen anderen Ländern ist das nicht so. Zum Beispiel im Kongo. Das haben wir während der Dreharbeiten von dem Kongolesen gelernt. Rund um die Uhr hat sich dieser Riesenkerl um das winzige Baby gekümmert, hat ihm zu trinken gegeben, Windeln gewechselt, alles. Da hab ich zu ihm gesagt: ,Toll, Sie helfen Ihrer Frau, macht nicht jeder.‘ Aber dann hat er mir erklärt: ,Nein, das mache ich, damit das Kind, wenn es heranwächst, in erster Linie an mich als Vater gebunden ist‘ – das ist eine Form von Besitzergreifung.
Neue Konflikone: Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender
BCK: Welches ist Ihre neue Konfliktzone, die Sie zu bearbeiten denken?
EC: Unser neues Projekt, immer in der Arbeitsweise, die Gegenseite mit einzubeziehen, ist LGBT „Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender“. Hierbei ist die Konfliktzone kein Ort, sondern es ist der Körper als solches.