„Frauen werden auf die gleiche Weise ausgebeutet wie die Natur. Mit Gewalt“

Der Kampf der Frauen und der Klimaschutz müssen zusammen gedacht werden, ist Künstlerin und Aktivistin Diana Paris Rodriguez (@diana_yaka) überzeugt. Sie lebt im Bundesstaat Bahia und arbeitet seit Jahren mit den Frauen der Huni Kuin, einer indigenen ethnischen Gruppe, die im Amazonas-Regenwald im Bundesstaat Acre und auch in Peru lebt. Warum Ökofeminismus neue Lösungen findet, was Kunst bewirken kann und warum wir die Art, wie wir den Planeten bevölkern, grundsätzlich ändern müssen, erzählt Diana im Interview.

Diana Paris Rodriguez @Vanessa Cheyenne
Diana Paris Rodriguez @Vanessa Cheyenne

F: Laut Bericht des UN-Bevölkerungsfonds aus dem Jahr 2009 machen Frauen 80 Prozent der Menschen aus, die aufgrund des Klimawandels ihre Heimat verlassen und anderswo Zuflucht suchen müssen. Der Kampf für Frauenrechte ist daher oft mit der Forderung nach einer nachhaltigeren Welt verbunden. Warum ist das so?

„Frauen werden auf die gleiche Weise ausgebeutet wie die Natur“

D: Kulturell sind Frauen mit (unbezahlten) Betreuungsaufgaben befasst, sie kümmern sich um das Haus, die Kinder, im Regenwald holen sie Wasser, bereiten Essen zu. Aber gerade deshalb sind sie wahrscheinlich auch diejenigen, die die besten Lösungen anbieten können. Frauen agieren stets im Multitasking-Modus, wobei das Wohl des Kollektivs im Vordergrund steht. Das ist wichtig, wenn man den Klimawandel im Blick hat – denn hier ist ein umfassender Systemwechsel dringend erforderlich.

F: Was bedeutet deiner Meinung nach Ökofeminismus?

„Ökofeminismus vereint die beiden Kämpfe, den der Frauen in den traditionellen Gemeinschaften und den gegen die Umweltzerstörung“

D: Ökofeminismus basiert auf dem Grundgedanken, dass Frauen genauso ausgebeutet werden wie die Natur. Mit Gewalt. Beide werden als Ressourcen ausgebeutet – als ob sie unbegrenzt zur Verfügung stünden.

F: Was kann der Ökofeminismus insbesondere für indigene Gemeinschaften tun?

Der Ökofeminismus vereint die beiden Kämpfe, den der Frauen in den traditionellen Gemeinschaften und den gegen die Umweltzerstörung. Auf diese Weise haben wir einen breiteren Blick auf das Problem und können dadurch völlig neue Lösungen finden.

„Wir müssen die Art und Weise, wie wir unseren Planeten bevölkern, ändern – das ist von grundlegender Bedeutung, wenn wir als Menschheit überleben wollen“

F: Wie kann diese Lösung aussehen?

D: Das Weltbild der heutigen westlichen Gesellschaft basiert auf Ausbeutung – und auch das wirtschaftliche Handeln wird von diesem Weltbild bestimmt. Wenn wir also diese Weltanschauung ändern könnten und (wie bei vielen indigenen Gemeinschaften) die Natur als etwas „Heiliges“ ansehen, die Frauen als etwas „Heiliges“ ansehen, dann wären wir logischerweise alle gezwungen, unsere Lebensweise zu ändern. Dieser Wandel der Weltanschauung sollte uns auch dazu bringen, den Menschen selbst als Natur zu sehen und nicht als etwas von ihr Getrenntes (und ihr Überlegenes), was uns dazu veranlassen würde, die Art und Weise, wie wir andere Lebewesen und Ökosysteme behandeln, zu überdenken.

Diana Paris Rodriguez mit Bunke vom Volk der Huni Kuin
Diana Paris Rodriguez mit Bunke vom Volk der Huni Kuin

F. Was übermitteln die Huni-Kuin-Frauen auf ihren Reisen durch Europa?

D: Natürlich ist es schwierig, die eigene Vision komplett umzuwerfen, aber vielleicht ist es möglich, einen kleinen Samen zu streuen. Denn wenn man mit einer indigenen Gemeinschaft in Kontakt kommt, merkt man: Ein anderes Leben ist möglich, man kann eine andere Sicht auf die Welt haben und nach dieser Sicht leben. Dies ist bereits ein Anfang, der die Grundlage für einen Bewusstseinswandel sein kann. Es wird gezeigt, dass es möglich ist, auf diesem Planeten auf eine völlig andere Weise zu leben, in einer völlig anderen Gesellschaft zu leben. Viele unserer gesellschaftlichen Paradigmen werden neu überdacht.

„Indigene stehen an vorderster Front im Kampf gegen die Umweltzerstörung“

Wer mit Vertretern  von  indigenen Gemeinschaften zusammentrifft, kann sehen, dass sie in diesem Kampf an vorderster Front stehen. Allein diese Erfahrung kann jeden dazu bringen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, denn die meisten Menschen denken, dass die Art und Weise, wie sie leben, die einzige (und beste) Art zu leben ist. Aber auf diese Weise sehen Sie: Eine andere Welt ist möglich.

Zeremonie mit Ayahuasca

F: Einer der Riten der Huni Kuin, wie auch anderer indigener Völker des Amazonas-Regenwaldes, ist die Zeremonie mit Ayahuasca (ein stark bewusstseinserweiterndes entheogenes Getränk; zubereitet von Schamanen (Anm. d. Red. Beitrag zur Zeremonie) Welche Bedeutung hat die Zeremonie für die Huni Kuin und für den Einzelnen, der sie erlebt?

D: Es ist eine sehr individuelle Erfahrung für jeden Menschen. Es gibt Menschen, die dann ihr Leben völlig verändern, andere sehen sich mit ganz anderen Augen, viele erleben einen großen Wandlungsprozess. Einige Menschen, die den Nutzen dieser traditionellen indigenen Medizin spüren, beginnen, sich mehr für das Leben der indigenen Völker zu interessieren und den Wunsch zu verspüren, die Gemeinschaften kennenzulernen und in irgendeiner Weise dazu beizutragen. Für die Huni Kuin ist Nixi Pae (wie sie Ayahuasca nennen) eine Medizin, die sie mit ihren Ahnen und den Geistern der Natur verbindet und zur spirituellen Heilung des Einzelnen beiträgt.

F: Inzwischen gibt es in Europa nahezu einen Hype in Bezug auf Ayahuasca-Zeremonien, die von nicht-indigenen Menschen gefeiert werden. Was hältst du davon?

„Indigene Völker sind Herrscher über Ayahuasca“

D: Die indigenen Völker sind die wahren Besitzer von Ayahuasca, seine Zubereitung und Verwendung ist uraltes Wissen, das ihnen gehört, daher ist es sehr wichtig, dass sie dieses „Heilmittel aus dem Wald“, wie sie es nennen, in die Welt bringen.

Aber es gibt auch den Aspekt der Kommerzialisierung: Ohne den kulturellen Kontext droht das Ritual zu einer leeren Angelegenheit zu werden. Es ist ein großer Unterschied, ob die Zeremonie von einem Vertreter einer indigenen ethnischen Gruppe durchgeführt wird, der mit den Ältesten seines Volkes studiert hat, oder ob Ayahuasca einfach von einer weißen Person verabreicht wird. Da diese Person nicht die gleiche ursprüngliche Beziehung hat, handelt es sich um kulturelle Aneignung.

„Ayahuasca wird zur Ware  in Europa“

Ayahuasca wird so zu einer Ware, zu einem Produkt, wie es die Mechanismen des Kapitalismus im Allgemeinen sind, aber völlig entleert von seiner ursprünglichen Funktionalität. Alles, was verkauft wird, ist ein Bild und ein Name. Das kann durchaus zu einem Problem werden. Es ist wichtig, die Souveränität der traditionellen Völker über diese Medizin anzuerkennen und ihnen das Mitspracherecht und die Macht zu geben, darüber zu entscheiden, wie und wann sie verwendet wird.

Ein Kopfschmuck der Huni Kuin@Living Gaia e.V.

Ein Kopfschmuck der Huni Kuin@Living Gaia e.V.

Kunst ist ein mächtiges Instrument des Widerstands

F: Welche Bedeutung hat die indigene Kunst?

D: Für mich ist die Kunst in erster Linie ein Mittel des Widerstands, des kulturellen Widerstands. Menschen, die immer wieder Gewalt erlebt haben, die Kunstwerke schaffen, werden dadurch gestärkt. In einer indigenen Gemeinschaft gibt es keinen Unterschied zwischen der Herstellung eines Werkzeugs, eines Gebrauchsgegenstands und der Herstellung von Kunst, das Schöne und das Nützliche sind ein und dasselbe. Alles, was produziert wird, ist mit Kunst gemacht. Dies ist ein leistungsfähiges Instrument. Zunächst einmal ist die Kunst in der Gemeinschaft selbst immer sehr präsent – im Tanz, im Gesang, in der Körperbemalung und damit immer Ausdruck der kulturellen Identität. Diese Identität zu bewahren und in die ganze Welt zu tragen, bietet die Möglichkeit, wirklich etwas zu bewirken. Kunst ist Kampf, sie ist Schönheit und für viele Gemeinschaften auch Spiritualität.

Baumwollarbeiten der Huni Kuin@Living Gaia e.V.Baumwolle

Baumwollarbeiten der Huni Kuin@Living Gaia e.V.

F: Gibt es diese Art von indigener Kunst bereits an anderen Orten der Welt?

D: Es gibt bereits eine Reihe von Kunstwerken indigener Völker, die in großen Galerien auf der ganzen Welt ausgestellt sind und die auch die indigene Sicht auf die Welt und die Natur einbeziehen. Das bedeutet auch, einen Samen in den Köpfen der Menschen zu pflanzen, denn indigene Kunst trägt auch die Weltsicht eines Volkes in sich und fördert so neue Denkweisen über die Welt und die Gesellschaft.

Diana Paris Rodriguez ist auf Instagram: @hunikuinwomen.

Hier finden Sie das Interview mit Bunke Inani Huni Kuin über ihre Reisen durch Brasilien und Europa

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Über Beate C. Kirchner

Freie Journalistin, Themenschwerpunkt: Brasilien – Wirtschaft, Politik, Umwelt, indigene Gemeinschaften und auf Anfrage

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