Brasiliens Wirtschaft nach Olympia

Viele Pläne und wenig Innovation in der Regierung Michel Temer nach Rousseffs Amtsenthebung – warum es dennoch wieder aufwärts gehen kann

President Michel Temer in Brasília. Gespräche über Public Private Partnership Foto: Carolina Antunes/PR

President Michel Temer in Brasília. Gespräche über Public Private Partnership Foto: Carolina Antunes/PR

Während der Olympischen Spiele machte Michel Temer Schlagzeilen mit Pfiffen bei der Eröffnungsfeier und Demonstrationen gegen ihn auf der Straße. Jetzt macht sich der Präsident an seine Pläne für die Wirtschaft. Temer genießt unter Ökonomen mehr Vertrauen als die Präsidentin der Arbeiterpartei Dilma Rousseff, die Ende August ihres Amtes enthoben wurde. Doch zweifelt unter Experten  so mancher an den Vorschlägen Temers und deren Durchschlagkraft. Weiterlesen

Proteste gegen Amtsenthebung von Dilma Rousseff in Brasilien

Suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff Foto: www2.planalto.gov.br_PR

Suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff Foto: www2.planalto.gov.br_PR

Am heutigen Mittwoch, den 31.8.2016 soll die endgültige Entscheidung im Senat fallen, stimmen zwei Drittel der Senatoren für die Amtsenthebung der gewählten Präsidentin Dilma Rousseff, wird ihr Stellvertreter Michel Temer offiziel die Amtsgeschäfte bis um Ende der Legislaturperiode 2018 übernehmen.

Vor dem Palácio da Alvorada, der Residenz der brasilianischen Präsidenten, protestieren während im Senat die Abstimmung stattfindet, Menschen gegen das Verfahren. In den vergangenen Tagen hatte es in Brasilia sowohl Kundgebungen für als auch gegen die gewählte Präsidentin gegeben.

 

Proteste gegen Amtsenthebungsverfahren von Dilma Rousseff. Foto: Midia NINJA

Proteste gegen Amtsenthebungsverfahren von Dilma Rousseff in Brasilia. Foto: Midia NINJA

Gestern  fanden in den Städten Rio de Janerio und São Paulo, Bel Horizonte  und Brasilia größere Kundgebungen statt.  Die Demonstraten nannten die Amtsenthebung „golpe“ ( Staatsstreich). Einige der Teilnehmer setzten in São Paulo Barrikaden in Brand. Die Polizei reagierte mit Tränengas.

Am Montag hatte sich die suspendierte brasilianische Präsidentin vor dem Senat in einer über 40-minütigen Rede verteidigt.  Ihre Absetzung gilt allerdings  als so gut wie sicher.

Rousseff  wird vorgeworfen, sie habe Bilanztricksereien begangen, Staatsausgaben geschönt, Sonderausgaben per Dekret am Haushalt vorbeigewinkt zu haben „Crime de Responsabilidade“, „Verantwortungsverbrechen“ lautet die Anklage.

Rousseff erklärte, sie sei unschuldig, ihren Gegnern wirft sie vor, sie hätten einen kalten Putsch gegen sie inszeniert, juristisch sei die Anklage haltlos. In der Tat wird Rousseff keine persönliche Bereicherung vorgeworfen, anders verhält es sich bei vielen brasilianischen Politikern: Gegen etwa 60 Prozent der 594 Mitglieder von Abgeordnetenhaus und Senat liegen Anklagen oder Ermittlungen vor, bis hin zu einem Mordverdacht.

Viele sind im Zusammenhang mit dem Petrobras-Skandal angeklagt, unter ihnen der ehemalige Staatspräsidenten Luiz Inácio Lula da Silva – Vertrauter und Mentor von Rousseff, der der Korruption und der Geldwäsche beschuldigt wird.

©Beto Barata:PR

Proteste gegen Amtsenthebungsverfahren von Dilma Rousseff in Brasilia. Foto: Midia NINJA

Auch Interimspräsident Temer ist einer von ihnen. Wird Rousseff endgültig Ihres Amtes enthoben, wird Temer bis 2018 die Regierungsgeschäfte führen – ohne Wahl. auch er ist in der Bevölkerung äußest unbeliebt.

In ihrer Rede bezog sich Rousseff explizit auf den radikalen Kurswechsel, den ihr einstiger Vize vollzogen hat, als er mit seiner Partei PMDB die Regierungsgeschäfte kommissarisch übernommen hatte, den Kurs, den die Arbeiterpartei eingeschlagen hatte mit Sozialprogrammen und Wohnungsförderung will Teuer nicht mehr beschreiten. Einen „Verräter“ nennt sie ihn. „Fora Temer“ („Temer raus“) rufen die Demonstranten.

Olympia-Showndown ohne Präsident, Paralympics mit leeren Kassen

Interimspräsident Michel Temer, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Thomas Bach und Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-moon während der Eröffnungsfeier Rio 2016. Foto: Beto Barata/PR

Interimspräsident Michel Temer, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Thomas Bach und Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-moon während der Eröffnungsfeier Rio 2016. Foto: Beto Barata/PR

Bei der Eröffnungsfeier wurde er schrill ausgepfiffen, Interimspräsident Michel Temer ist in Brasilien alles andere als beliebt.  Zur Abschlussfeier von Olympia 2016 am Sonntag wird der Politiker gar nicht erscheinen, er lässt sich vom Parlaments
präsidenten Rodrigo Maia vertreten.

Stellvertreter Rodrigo Maia will sich auch nicht exponieren

Maia, so heißt es in Presseberichten weiter, habe die Mission erst angenommen, nachdem ihm versichert worden sei, dass er bei der Veranstaltung nicht sprechen müsse, er wolle sich auch nicht exponieren. Weiterlesen

Wer ist eigentlich Michel Temer?

 

©Beto Barata:PR

Foto: Beto Barata/PR

Während der fast dreieinhalbstündigen Eröffnungsfeier war vom brasilianischen Interimspräsidenten nichts zu hören und zu sehen. Sein einziger Auftritt dauerte acht Sekunden – als er die Olympischen Spiele 2016 offiziell eröffnete – und da war er wegen des lauten Pfeifkonzerts der Besucher im Maracana-Stadion eigentlich auch nicht zu hören. Warum mögen den Politker eigentlich so viele Brasilianer nicht?
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Chico Buarque singt Hymne des Widerstands gegen die Diktatur bei Besetzung in Rio

 

Chico Buarque Foto: Screenshot Folha de S.Paulo

Chico Buarque Foto: Screenshot Folha de S.Paulo

„Apesar de voce“ –„Dir zum Trotz“ heißt das Lied gegen die Militärdiktatur in Brasilien  (1964–1985) , mit dem der brasilianische Bossa-nova-Poet Chico Buarque auf einer politischen Besetzung in Rio  am Freitag aufgetreten ist. Diesmal münzte die brasilianische Musiker-Ikone den Song gegen Interimspräsidenten Michel Temer.  „Fora Temer“ („Raus Temer“) ist das Motto der politischen Besetzung. Weiterlesen

Temer wegen Anti-Korruptionsgesetz verurteilt

©Beto Barata:PR

Michel Temer Foto: Beto Barata/PR

Am vergangenen Donnerstag entschied das zuständige Gericht in São Paulo, dass der Interimspräsident Temer „während der nächsten acht Jahre nicht gewählt werden darf“. Temer war 2015 verurteilt worden, weil er während des Wahlkampfs 2014 Geldspenden über zehn Prozent des Bruttoeinkommens des Vorjahres, die von Gesetz erlaubt sind, getätigt hatte. Grundlage der Entscheidung ist das Anti-Korruptionsgesetz „Ficha Limpa“, ( „Reine Weste“): Politiker, die wegen krimineller Vergehen in zweiter Instanz verurteilt worden sind, verlieren ihr passives Wahlrecht für 8 Jahre und dürfen eigentlich auch keine öffentlichen Ämter bekleiden. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft des Wahlgerichts in São Paulo, (Procuradoria Regional Eleitoral de São Paulo), kann Temer aber durchaus, im Falle der Bestätigung der Amtsenthebung Roussefs im Senat bis zu den nächsten Wahlen Präsident Brasiliens sein, da er zum Zeitpunkt des Urteils diese Funktion bereits innehatte. In dieser Frage sind allerdings Juristen im Lande unterschiedlicher Meinung.

„Ich liebe Brasilien, es ist immer etwas los“, steht unter anderem in Leser-Kommentaren unter den zahlreichen Beiträgen zum Thema im Netz in Brasilien.

Temer wegen Anti-Korruptionsgesetz verurteilt